Höllische Sitznachbarn

September 12, 2006

In meiner Schule gibt es lauter merkwürdige Gestalten. Mich zum Beispiel. Aber auch meinen neuen Sitznachbar in Bio und Reli, der in etwa einer Mischung aus Pinky von „Pinky and the Brain“ und Steve Urkel entspricht, und im Folgenden daher nur noch Purkel genannt wird. Jedenfalls fragte mich Purkel am Montag in der Reli-Stunde, ob ich die Hausaufgaben in Spanisch gemacht hätte:

„Nein.“ antworte ich. „Du?“. Stolz hebt er seine Brust hervor: „Nö, ich hab besseres zu tun!“

„Ach ja?“ denke ich, “Briefmarken sammeln, Aquarien säubern… Counterstrike?“. Ich frage ihn erst gar nicht. Purkel grinst mich an und ist scheinbar der festen Überzeugung, er hätte etwas unheimlich cooles gesagt. Ich grinse nicht zurück. Purkel zieht die Brust wieder ein und wendet sich dem Unterricht zu.

Sekunden später versucht er es noch einmal. „Scheiß auf Hausaufgaben, lieber Party machen am Wochenende, höhö“ stummelt er grinsend vor sich hin und dreht sich dabei mit dem Kopf zu mir, während er seine Faust in die Luft hebt als ob er über seine eigene Blödheit triumphieren würde. Erneut grinse ich nicht zurück. Vielleicht merkt er diesmal, dass ich kein Interesse an einem Gespräch mit ihm habe.

Er merkt es nicht. Wieder dreht er sich grinsend zu mir und stammelt irgendeine pseudo-coole Bullenscheiße - diesmal über nichtgemachte Religions- und Sowi-Aufgaben. Ich versuche ihn zu ignorieren. Es interessiert mich nicht, was er noch alles am Wochenende nicht getan hat. Ob er sein Zimmer nicht aufgeräumt hat, sein Aquarium nicht geputzt oder nicht pünktlich um 9 Uhr ins Bett gegangen ist – es ist mir scheiß egal.

Jetzt kommt er ganz nah an mich ran. Noch zwei Zentimeter näher und seine Lippen berühren mich. Ich versuche jeden Blickkontakt zu vermeiden und richte meine Ohren ganz auf die Worte der Religionslehrerin, während meine Nase mir zu verstehen gibt, dass zu den ganzen Dingen, die Purkel am Wochenende unterlassen hat, leider auch das Zähneputzen gehört.

„Noch 30 Minuten, dann haben wir Reli überstanden“ sagt er zu mir. Eine halbe Stunde muss ich sein Geschwafel also noch ertragen. Ich frage mich, womit ich das verdient habe und stöhne lautstark vor mich hin – ein großer Fehler, wie sich herausstellt. In dem Irrglauben mein Stöhnen würde nicht ihm, sondern dem Religionsunterricht gelten, fängt Purkel nämlich an lauthals darüber zu lachen. Und an diesem Punkt ist alles zu spät: Der Schwachkopf sieht plötzlich einen Verbündeten in mir. Oder anders formuliert: Pinky hat seinen Brain gefunden.

Er erzählt mir von seinem Handy, von Autos und davon, dass er beim Kacken Mathe gelernt hat. Ich höre ihm nicht zu und versuche mich voll und ganz dem Unterricht zu widmen. Wir reden über Wunder und eine Geschichte aus der Bibel, in der Jesu einem Blinden sein Augenlicht zurückgegeben hat. Mehr bekomme ich nicht mit, denn jedes mal wenn ich gerade in die Materie eingetaucht bin, zieht mich Purkels Geschwafel wieder zurück auf die Oberfläche. Super, dass du einem Blinden geholfen hast, Jesus, aber wo bist du eigentlich wenn man dich wirklich braucht? Der Typ neben mir benötigt dringend ein Gehirn, also schenk ihm doch bitte eines oder gib ihm zumindest ne Zahnbürste.

Soll ich Purkel einfach mal ganz direkt sagen, dass er die Klappe halten soll? Nein, jemand, dessen größter Triumph im Leben eine nichtgemachte Hausaufgabe ist, hat genug gelitten. 20 Minuten noch - das schaff ich schon irgendwie. Die Zeit vergeht so langsam als würde ich mit einer Bomberjacke durch die Wüste marschieren. Doch das Schellen zur Pause ist meine Oase. Geschafft. 

Bis zur Bio-Stunde am Donnerstag hab ich erstmal Ruhe. Und vielleicht ist Purkels Geplapper dann nur noch halb so nervtötend. Man gewöhnt sich ja schließlich an alles. Wir werden sehen. Oder riechen. Wie auch immer. Ich wünsche jedenfalls allen noch eine schöne Woche.


Cars

September 9, 2006

Da ich aufgrund akuter Faulheit in der Schule nur selten dem Unterricht folge und stattdessen lieber Däumchen drehe, schlafe und Kästchen in meine Schreibhefte male, ergibt sich vor einer Klausur regelmäßig das Problem, dass ich innerhalb kürzester Zeit jede Menge Schulstoff nachlernen muss. Das wird dann besonders umständlich wenn man an einem Freitag erfährt, dass man bereits am darauffolgenden Montag eine Mathe-Arbeit schreiben muss, wovon man vorher gar nichts wusste, weil man zum Zeitpunkt der Klausur-Ankündigung lieber Däumchen gedreht, geschlafen und Kästchen gemalt hat. In einer solchen Situation gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder man ist Typ A (der Fleißige) und sagt alle Verabredungen für’s Wochende ab, um sich voll und ganz dem Schulstoff zu widmen. Oder man ist Typ B (also ich) und sucht sich jede noch so uninteressante Beschäftigung, um sich von der Arbeit abzulenken.

In diesem Fall hatte u.a. das dazu geführt, dass ich mir Pixar’s neuesten Animationsfilm Cars ansah, auf den ich eigentlich gar keinen Bock hatte. In Cars sind nämlich alle Charaktere Autos und ich war schon als Kind kein Fan von Autos. Wo andere Rotznasen mit ihren Spielzeugwagen beschäftigt waren, hab ich schon immer lieber mit Action-Figuren gespielt, Zeichentrickserien geguckt, geschlafen und Kästchen gemalt. Doch wider meinen Erwartungen stellte die Auto-Thematik von Cars überhaupt kein Problem dar und sorgte bei mir sogar für den einen oder anderen herzlichen Lacher.

Das liegt vor allem daran, dass die Welt von Cars sich von unserer nämlich gar nicht so sehr unterscheidet. Während wir uns nach dem Sport eine kalte Dusche gönnen, fahren die Charaktere im Film nach einem anstrengenden Rennen eben in die Autowaschanlage. Und wo wir als Kinder arme Kühe gejagt haben, tun die Klapperkisten in Cars das gleiche mit den Traktoren auf der Weide. Es gibt jedenfalls zahlreiche Parallelen zwischen unserem Leben und dem der Autos und es macht immer wieder Spaß sie zu entdecken.

Doch auch die Autos selbst wirken in diesem Film absolut menschlich. Sie lachen, trauern, sticheln und prahlen genau wie wir. Jede Figur in diesem Film wirkt absolut glaubwürdig und hat ihre ganz eigene Persönlichkeit. Da hätten wir einmal das weinerliche Feuerwehrauto, dann den intelektuell leicht beschränkten, aber schlichtweg liebenswerten Abschleppwagen und schlussendlich noch zig andere Charaktere, die unter der Haube nicht nur einen Motor, sondern auch jede Menge Herz verbergen.

Protagonist ist dabei der arrogante Lightning Mc Queen, der – um auch mal die Story kurz anzusprechen – zwar jede Menge Erfolg in seinem Beruf als Rennwagen, aber dafür umso weniger in seinem Privatleben erntet. Durch ein unglückliches Missgeschick landet er schließlich in einem kleinen Kaff, wo er nach anfänglicher Abneigung gegenüber den unterschichtigen Einwohnern zu guter Letzt noch sein wahres Glück findet. Wer nun meint, ich hätte ihm die ganze Geschichte verraten, dem muss ich widersprechen. Denn selbst wenn ihr - wie ich – die Vorlage, bei der sich Cars hier offensichtlich bedient, nicht gesehen habt (meine Begleitung erzählte mir, dass es „Doc Hollywood“ wäre), lassen sich alle Wendungen in der Handlung vorhersehen. Im Prinzip wird hier nämlich nur ein Klischee nach dem anderen aufgegriffen und gegen Ende wird der Film dann sogar richtig schwülstig. Doch aufgrund meiner Unkenntnis bezüglich „Doc Hollywood“, zwei Flaschen Veltins und dem Gedanken daran, dass ich eigentlich für eine Mathe-Klausur lernen müsste, hat mir der Kitsch schlicht einen Heidenspaß bereitet.

Was dieser Artikel, in dem ungefähr 30 mal das Wort „ich“ drin vorkommt, nun über den Film aussagt? Eigentlich nicht viel, aber dafür wisst ihr jetzt, dass ich (da! schon wieder!!) einen schönen Abend hatte. Und was anderes hat euch, meine zwei treuen, mitfühlenden Leser, doch eigentlich gar nicht interessiert, oder?


Black

September 7, 2006

Ich erinnere mich noch allzu gut an die Werbung von Black. Keine „rette die Menschheit vor dem Bösen“-Ankündigungen waren da zu hören, keine Zwischensequenzen zu sehen und nicht ein einziger Charakter wurde vorgestellt. Stattdessen bekam man nur einen Raum gezeigt, in dem das gesamte Mobiliar zu Bruch geschossen wurde - fertig. Anschließend wurde noch der Name des Spiels eingeblendet: „Black“. Nicht „Black Zone“, nicht „Black War“. Schlicht und einfach „Black“. Und auch wenn man auf Werbungen normalerweise nicht viel geben sollte: Diese hätte aussagekräftiger nicht seien können.

Black hat – man kann es nicht anders sagen – keinerlei Wiedererkennungswert, nicht einen Funken Individualität. Wo Far Cry Instincts & Co allesamt aufwendig dekorierte Cocktails sind, da wirft Black die Obststücke aus dem Glas, entzieht dem Getränk den Fruchtgehalt und ist letztendlich nur noch der pure Alkohol. In seiner vollkommenen Reduzierung auf das reine Geballer und der grafischen Einheitlichkeit erinnert es gar ein wenig an den Horrorstreifen High Tension, der inhaltlich wie stilistisch ebenfalls bewusst facettenarm daher kam. Dadurch wurden zwar einerseits Brüche vermieden und die Spannung erhöht, andererseits wirkte High Tension aber auch kaum noch wie ein richtiger Film, sondern viel mehr wie eine Art Adrenalin-Tablette aus der Apotheke (falls es sowas gibt). Und Black ist im Prinzip nichts anderes.

Es vergeht in diesem Spiel kaum ein Moment, an dem nicht zig Gegner um euch versammelt sind – überall kracht und schallt es. Eure Deckung wird zerschossen, aufgewirbelter Staub versperrt eure Sicht und explodierende Benzinfässer betäuben euch die Ohren. Ganze Häuser gehen zu Bruch und Innenräume sind nach einer Schießerei derart zerlegt, dass sie selbst von Tine aus „Einsatz in vier Wänden“ nicht mehr gerettet werden könnten. Was sich hier auf der Bildfläche abspielt ist schlicht Wahnsinn und lässt jede Bruckheimer-Produktion steinalt aussehen. Wenn man Black auf einem halbwegs großen Fernseher und mit Dolby-Surround-Anlage spielt, wird man nach einem absolvierten Level erstmal eine Erholungspause benötigen, weil’s einem sonst schlicht zu viel wird.

Man merkt diesem Spiel einfach an, dass es aus den Händen von Criterion stammt – den Leuten, die auch für Burnout, einen der wohl schnellsten Racer aller Zeiten, verantwortlich sind. Und wo schon Burnout mehr oder weniger eine einzige Adrenalin-Tablette war, da bietet Black den gleichen Inhaltsstoff in (Schieß-)Pulver-Form. Dieses Spiel hat keine Seele, aber es will auch gar keine Seele. Hat sie ganz bewusst an den Teufel verkauft. Will nur *Peng*, *Boom* und *Kabuff* – und erfüllt fast alle Ansprüche an sich selbst.

Fast, weil Black zum Ende hin mehr und mehr an Intensität einbüßt. Wie bereits beschrieben, ist der Titel spielerisch und stilistisch sehr einheitlich konzipiert, wodurch den Entwicklern in ihrer Kreativität sicherlich engere Schranken gesetzt sind als es bei den meisten anderen Ego-Shootern der Fall ist. Doch selbst unter Berücksichtigung dieser Einschränkung stecken in Black noch immer zu wenig Ideen. Jeder Kampf läuft hier prinzipiell nach dem gleichen Schema ab: Sind die Gegner noch in weiter ferne, schießt ihr sie aus sicherer Distanz mit dem Maschinen- oder Scharfschützengewehr ab. Kommen die Widersacher näher, werft ihr wild mit Granaten um euch oder schießt auf Benzinfässer und andere explosive Dinge. Abwechslung bringen lediglich die Mienenfelder und Feinde, die sich mit einem Raketenwerfer irgendwo in einem Hochhaus verschanzt haben. Doch auch diese Spielsituationen wiederholen sich zu oft, so dass Black sogar noch vor Ablauf seiner kurzen Spieldauer von grob geschätzten 6h (fast) die Puste ausgeht.

Doch auch wenn Criterions Ballerorgie zum Vollpreis vielleicht ein bisschen zu wenig bietet – für Leute die sich über’s Wochende gerne mal einen Shooter aus der Videothek mitnehmen, gibt es kaum ein empfehlenswerteres Spiel.