Rüder Umgangston

Oktober 29, 2006

In meiner Schule herrscht ja allgemein ein nicht allzu hohes Niveau. Okay, das ist allen bekannt. Zumindest den Leuten, denen ich gelegentlich davon erzähle; die Schüler selber wissen es vermutlich nicht, denn man bemerkt ja auch nicht, dass andere Knoblauch gefressen haben, wenn man selber danach stinkt. Aber darum geht es hier auch gar nicht. Es geht viel mehr darum, dass einige meiner Mitschüler sich gegenseitig einfach mal so als „Arschloch“ oder Ähnliches bezeichnen. Das tun sie vermutlich nicht aus Boshaftigkeit, sondern um ihre Zuneigung oder was weiß denn ich zu zeigen. Egal, denn auch darum geht es hier nicht. Es geht viel mehr darum, dass ich fast jedes Mal lachen muss, wenn das geschieht. Ihr glaubt, ich habe einen primitiven Humor? Nein, da verwechselt ihr mich mit jemand Anderem. Was an der Bezeichnung „Arschloch“ in diesem Kontext so lustig ist, lässt sich nämlich ganz einfach an einem Mario Barth-Beispiel erklären.

Von dem gab es nämlich mal einen Comedy-Auftritt, bei dem er sich über die Gewohnheiten der Frauen beim Shoppen lustig machte. Da ging es unter Anderem darum, dass Frauen an allem zweifeln, was sie anprobieren. Sieht mein Hintern darin zu fett aus? Zeigt das Oberteil zu viel Dekoltee? Passen meine Schuhe überhaupt zu dem Kleid? Und so weiter und so fort. Wer nun nie mit seiner Freundin einkaufen geht, den hat dieser Auftritt vermutlich ziemlich gelangweilt. Doch jeder, der diese “Kauf-Gewohnheiten“ schon einmal live erlebt hatte, musste bei den Ausführungen von Mario Barth unweigerlich anfangen kopfnickend zu lachen.

Und genau deshalb ist es auch so lustig, wenn jemand in meiner Schule einen seiner Mitschüler als „Arschloch“ bezeichnet - weil einem in 80% der Fälle nichts anderes übrig bleibt, als ihm zuzustimmen.


Höllische Sitznachbarn

September 12, 2006

In meiner Schule gibt es lauter merkwürdige Gestalten. Mich zum Beispiel. Aber auch meinen neuen Sitznachbar in Bio und Reli, der in etwa einer Mischung aus Pinky von „Pinky and the Brain“ und Steve Urkel entspricht, und im Folgenden daher nur noch Purkel genannt wird. Jedenfalls fragte mich Purkel am Montag in der Reli-Stunde, ob ich die Hausaufgaben in Spanisch gemacht hätte:

„Nein.“ antworte ich. „Du?“. Stolz hebt er seine Brust hervor: „Nö, ich hab besseres zu tun!“

„Ach ja?“ denke ich, “Briefmarken sammeln, Aquarien säubern… Counterstrike?“. Ich frage ihn erst gar nicht. Purkel grinst mich an und ist scheinbar der festen Überzeugung, er hätte etwas unheimlich cooles gesagt. Ich grinse nicht zurück. Purkel zieht die Brust wieder ein und wendet sich dem Unterricht zu.

Sekunden später versucht er es noch einmal. „Scheiß auf Hausaufgaben, lieber Party machen am Wochenende, höhö“ stummelt er grinsend vor sich hin und dreht sich dabei mit dem Kopf zu mir, während er seine Faust in die Luft hebt als ob er über seine eigene Blödheit triumphieren würde. Erneut grinse ich nicht zurück. Vielleicht merkt er diesmal, dass ich kein Interesse an einem Gespräch mit ihm habe.

Er merkt es nicht. Wieder dreht er sich grinsend zu mir und stammelt irgendeine pseudo-coole Bullenscheiße - diesmal über nichtgemachte Religions- und Sowi-Aufgaben. Ich versuche ihn zu ignorieren. Es interessiert mich nicht, was er noch alles am Wochenende nicht getan hat. Ob er sein Zimmer nicht aufgeräumt hat, sein Aquarium nicht geputzt oder nicht pünktlich um 9 Uhr ins Bett gegangen ist – es ist mir scheiß egal.

Jetzt kommt er ganz nah an mich ran. Noch zwei Zentimeter näher und seine Lippen berühren mich. Ich versuche jeden Blickkontakt zu vermeiden und richte meine Ohren ganz auf die Worte der Religionslehrerin, während meine Nase mir zu verstehen gibt, dass zu den ganzen Dingen, die Purkel am Wochenende unterlassen hat, leider auch das Zähneputzen gehört.

„Noch 30 Minuten, dann haben wir Reli überstanden“ sagt er zu mir. Eine halbe Stunde muss ich sein Geschwafel also noch ertragen. Ich frage mich, womit ich das verdient habe und stöhne lautstark vor mich hin – ein großer Fehler, wie sich herausstellt. In dem Irrglauben mein Stöhnen würde nicht ihm, sondern dem Religionsunterricht gelten, fängt Purkel nämlich an lauthals darüber zu lachen. Und an diesem Punkt ist alles zu spät: Der Schwachkopf sieht plötzlich einen Verbündeten in mir. Oder anders formuliert: Pinky hat seinen Brain gefunden.

Er erzählt mir von seinem Handy, von Autos und davon, dass er beim Kacken Mathe gelernt hat. Ich höre ihm nicht zu und versuche mich voll und ganz dem Unterricht zu widmen. Wir reden über Wunder und eine Geschichte aus der Bibel, in der Jesu einem Blinden sein Augenlicht zurückgegeben hat. Mehr bekomme ich nicht mit, denn jedes mal wenn ich gerade in die Materie eingetaucht bin, zieht mich Purkels Geschwafel wieder zurück auf die Oberfläche. Super, dass du einem Blinden geholfen hast, Jesus, aber wo bist du eigentlich wenn man dich wirklich braucht? Der Typ neben mir benötigt dringend ein Gehirn, also schenk ihm doch bitte eines oder gib ihm zumindest ne Zahnbürste.

Soll ich Purkel einfach mal ganz direkt sagen, dass er die Klappe halten soll? Nein, jemand, dessen größter Triumph im Leben eine nichtgemachte Hausaufgabe ist, hat genug gelitten. 20 Minuten noch - das schaff ich schon irgendwie. Die Zeit vergeht so langsam als würde ich mit einer Bomberjacke durch die Wüste marschieren. Doch das Schellen zur Pause ist meine Oase. Geschafft. 

Bis zur Bio-Stunde am Donnerstag hab ich erstmal Ruhe. Und vielleicht ist Purkels Geplapper dann nur noch halb so nervtötend. Man gewöhnt sich ja schließlich an alles. Wir werden sehen. Oder riechen. Wie auch immer. Ich wünsche jedenfalls allen noch eine schöne Woche.